„Advanced Design&Construction“: Workshop mit Laura Bryant

5. Februar 2011 | Von | Kategorie: Design, News, Vogue Knitting Live

Foto: Laura Bryant

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Bei der Auswahl meiner Workshops der Vogue Knitting Live war mir das Wort „advanced“ in Laura Bryants Workshoptitel ins Auge gefallen. Nicht, weil ich mich für fortgeschritten hielte, sondern weil ich hoffte, gefordert zu werden und „richtig viel“ zu lernen. Der Begriff „construction“ hatte mich zwar abgeschreckt – ließ er doch vermuten, dass es mathematisch-technisch zugehen würde, und Mathe gehörte weder zu meinen besonderen Stärken noch zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Aber man soll sich ja immer mal wieder mit seinen vermeintlichen Schwächen konfrontieren – ich verband in diesem Fall damit die Hoffnung, doch mehr zu wissen als ich annahm bzw. viel Neues und für das Strickdesign Wichtiges zu lernen.

Laura Bryant hat Kunst und Design mit Schwerpunkt Farben und Textilien studiert und ist Gründerin und Inhaberin von Prism Yarns, einem Hersteller sog. handgefärbter „stuff yarns“. Stuff bedeutet, dass Garne verschiedener Farben und Qualitäten – z. T. bis zu 30 bis 40 – durch Knoten zu einem Knäuel verbunden werden. Durch den Wechsel von Farben, Qualitäten und jeweiligen Lauflängen (bei allerdings vergleichbarer Garnstärke) erhält das Strickstück eine stets wechselnde Oberfläche und Struktur. Darüber hinaus bietet Prism Yarns auch klassische Qualitäten an, die ebenfalls handgefärbt sind. Laura Bryant ist darüber hinaus Strickdesignerin und hat bereits einige Bücher geschrieben (s. unten).

Laura Bryant wirkte auf mich sehr selbstbewusst, pragmatisch bis nüchtern und war sehr klar in ihren Äußerungen. Gleich zu Beginn des Workshops ließ sie keinen Zweifel daran, dass dieser nur für Fortgeschrittene geeignet sei und sie hoffe, dass sich jede dessen bewusst sei. Der erste Eindruck einer etwas gestrengen Lehrerin amüsierte mich ein wenig, aber ich war mir sicher, dass wir noch andere Facetten an ihr kennenlernen würden. Ich war gespannt, wie es weitergehen würde.

Sie ließ uns wenig Zeit zum Warmwerden. Zunächst erläuterte sie die Wichtigkeit einer Maschenprobe (nur am Rande: keiner der Profis arbeitet ohne…). Hier gilt: je größer, desto besser, weil genauer und aussagekräftiger. Das heißt also: Nicht nur sollte man ein Probestück von netto 10 cm (also mindestens 10 cm Breite/Höhe im gewünschten Muster plus einige Randmaschen z. B. im Perlmuster, damit sich das Stück nicht einrollt) anfertigen, sondern gerne auch viel breiter und höher als 10 cm x 10 cm stricken. Das hat zum einen den Vorteil, dass man richtig gut Maß nehmen kann, und zum zweiten kann man den Garnverbrauch besser bestimmen: Strickt man im Vergleich zur in der Anleitung angegebenen Maschenprobe lockerer (braucht also weniger Machen/Reihen als angegeben), verbraucht man weniger Garn, strickt man fester (mehr Maschen/Reihen als angegeben), verbraucht man mehr Garn.

Laura Bryant händigte uns ein vierseitiges, eng bedrucktes Papier aus. Kurven und Winkel lachten uns an…

Laura Bryant ging zum Flipchart und begann, ein Dreieck zu zeichnen. Die Horizontale sollte die zu erzielende Breite, die Vertikale die zu erzielende Höhe darstellen – und die Diagonale, also die Anzahl zuzunehmender Maschen – galt es zu errechnen. Anhand der Kästchen (jedes stand für einen Inch in Breite und Höhe) und einer Maschenprobe erläuterte sie, wie man die Strecke zwischen null Maschen/Höhe und der gewünschten Maschenzahl/Breite bei einer gleichzeitig zu erreichenden Höhe erreicht. Die Differenz zwischen Anfangs- und Endmaschen bzw. der Anzahl Reihen geteilt durch diese Differenz ergibt den Zunahmerhythmus (Inkrement).

Kurvenberechnung Strickdesign

Der nächste Schritt war die Ermittlung von Zunahmen bei einer Kurve statt einer Diagonale. Laura Bryant leitete diese vermeintliche mathematische Herausforderung wie folgt ein: „A curve is nothing else than a multiple of angles“ – Eine Kurve ist auch nichts anderes als eine Vielzahl von Winkeln. Ihre Zeichnung am Flipchart zeigte, dass das Prinzip von Kästchen, Stufen und Maschenprobe bei der Berechnung hilft. Die Kurve wird also in Stufen/Winkel aufgeteilt, die unterschiedlich hoch und breit sind. Daraus ergeben sich die zuzunehmenden Maschen und die jeweilige Höhe – also die Anzahl Reihen – je Stufe.

Das war der erste Teil des Workshops. Es folgten präzise und nachvollziehbare Anleitungen für die Konstruktion von Strickstücken, hier einige Beispiele:

  • richtig Maß nehmen (lassen): z. B. kann man die korrekte Schulterbreite ermitteln, indem man sich Stricknadeln unter die Achseln steckt, die Weite dazwischen ergibt die Schulterbreite
  • Taillierung ohne Zu-/Abnahmen bzw. Wiener Naht: z. B. durch kleinere Nadeln, Musterwechsel (Rippen, Zopf, Linen Stitch/Chevron Stitch), Taille extra (quer) stricken
  • Maschen für Ausschnitte immer abketten statt Maschen stilllegen
  • Schultern immer zusammennähen/-häkeln statt zusammenstricken (ergibt eine stabilere Naht)

Laura Bryant also eine „gestrenge Lehrerin“? Nein – denn bereits nach einigen wenigen Minuten war dieser erste Eindruck verflogen. Laura Bryant klug, sehr sympathisch und humorvoll – und eine absolute Expertin auf ihrem Gebiet. Ich habe sehr viel bei ihr gelernt, weil sie eine richtig gute Lehrerin ist.

Wer mehr über Laura Bryant erfahren möchte: Dieses Video ist die Vorschau auf „A Knitter’s Guide to Color“, einer DVD, die bei Interweave erhältlich ist, und hier kann man ein Interview lesen, das Laura Bryant dem Knitch Magazine gegeben hat (beides auf Englisch).

Hier findet Ihr Bücher von Laura Bryant bei Amazon.

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3 Kommentare auf "„Advanced Design&Construction“: Workshop mit Laura Bryant"

  1. Danke für die vielen Berichte – das macht richtig Lust und etwas Neid…
    :-)
    Aber warum? Warum?
    Warum soll man Ausschnittmaschen nicht stillegen? Leiert es sonst? Also abketteln und dann neu aufnehmen/anstricken?
    und heißt Schultern nicht zusammenstricken, dass sie vor dem 3-needle-Bindoff warnt? Oder was ist gemeint?
    Danke für ein paar ergänzende Erläuterungen!

    • Martina Hecht sagt:

      Gerne – danke für Deine Kommentare und Fragen!
      Laura Bryant empfiehlt, Ausschnittmaschen abzuketten und für Blende/Kragen Maschen herauszustricken, da Ausschnitte (wie auch Schulterrnähte) dann stabiler sind und besser sitzen. Deswegen auch der Verzicht auf den 3 needle-bindoff, den sie lediglich für Strickstücke ohne Ärmel empfiehlt. Außerdem – so sagt sie – kann die Schulternaht dann nicht so leicht nicht verzogen bzw. nach unten gezogen werden. Besser sei es, eine wirklich feste (Schulter-)Naht zu nähen (oder zu häkeln).

      Ich muss dazu sagen, dass sie in diesem Punkt etwas beharrlich war – „no 3 needle-bindoff!“ war mit einer ihrer ersten Sätze im Workshop… Aber ich denke, auch hier gilt: ausprobieren! Ich lasse auch gerne Maschen ruhen und nehme sie für Kragen und Blenden wieder auf, weil ich es optisch etwas schöner finde.

  2. Liebe Martina,
    sehe gerade, dass ich mich nie für die Antwort bedankt habe!
    Einige Sachen sind, beim Stricken wie überall sonst, Erfahrung (war immer so und funktioniert), andere „wissenschaftlich abgesicherte Vermutungen“ und andere sind reine persönliche Vorlieben/Ideologie… Ich habe mit 3needle-bindoffs an Schultern gute Erfahrungen gemacht, aber ich werde die MÜTTER der Kinder, die die entsprechenden Pullis tragen, genau nach ihren Erfahrungen befragen… kurzum, ich neige zum „wissenschaftlichen“ Ansatz: vermuten, testen, evtl. Gegenprobe.
    Wieso ein 3nbo unstabiler sein soll als bspw. eine Häkelnaht leuchtet mir grad von hier noch nicht ein. Aber ich werd’s mir mal merken und ggf. ausprobieren.
    Grüße!
    Und danke für die vielen interessanten Einblicke!
    P.

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